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Ortschronik

1. Dem Arbeitskreis "Ortschronik" gehören folgende Personen an: 

 

Arbeitskreis Dorfchronik 

 

2. Abhandlung Ortschronik Poppenhausen (Wasserkuppe) vom 05.03.2016

 

Ein Ort der 850-jähriges Bestehen feierte aber schon 1189 Jahre alt ist

 

Der fränkische Gaugraf Poppo I. ist der Gründer und Namensgeber von Poppenhausen/Wasserkuppe / Die Schenkungsurkunde datiert vom 1. Februar 826 / Eine neue umfangreiche und facettenreiche Ortschronik mit großer Themenvielfalt durch die Jahrhunderte ist erschienen

 

                                                   Von Hella Mott/Fulda

 

Obwohl der bekannte Luftkurort Poppenhausen (Wasserkuppe) im Herzen der Rhön 2015 sein 850-jähriges Bestehen feierte, ist der Ort viel älter. In einer Schenkungsurkunde vom 1. Februar 826 ist festgehalten, das der Gaugraf Poppo I. aus dem begüterten Geschlecht der ostfränkischen Popponen, eine „captura“ (Bifang = Neubruch), im Wald „Bochonia“ an dem Fluß „Lutraha“ im „Grapfeld“ gelegen, sowie seinen ganzen Besitz im Umkreis, dem Heiligen Bonifatius, d.h. dem Kloster, für sein Seelenheil schenkte. Auch 13 namentlich genannte Unfreie (Leibeigene = Hörige) die dort mit der Rodung des Waldes beschäftigt waren, wechselten den Besitzer. Dies hat der bekannte Heimatkundler Michael Mott herausgefunden, der auch die Federführung bei der Erstellung der Chronik hatte und auch den geschichtlichen Teil seines Heimatortes bis etwa 1900/1945 verfasst hat. Da in der karolingischen Schenkungsurkunde nur von einem Rodungsgut an der Lütter, aber nicht von einer bereits bestehenden Siedlung die Rede ist, kann nach den strengen Bestimmungen des Hessischen Staatsarchivs das Jahr 826 nicht als Ersterwähnung angeführt werden – es wären 1189 Jahre, sondern erst die Aufführung im sogenannten „Codex Eberhardi“ der in den Jahren zwischen 1155 bis 1165 1) entstand. Dennoch waren die 13 Leibeigenen mit den Namen, von Vuolfmunt bis Vualdger, die ersten Bewohner des Fleckens.

 

 

           Fund einer Lanzenspitze aus der jüngeren Eisenzeit

 

In 38 Kapiteln mit zahlreichen Unterabteilungen wird die Geschichte des Ortes bis in die Neuzeit mit Ausblick in die Zukunft dargestellt. 18 Männer und Frauen, darunter Bürgermeister Manfred Helfrich, haben sich mit der Historie beschäftigt und ihre Ergebnisse zu Papier gebracht. So reicht der behandelte Themenbereich vom Fund einer Lanzenspitze aus der jüngeren Eisenzeit (Latènezeit; 450 bis 15 v. Chr.); Anfängen der Besiedelung; den alten Wegeverbindungen (Ortesweg); dem Zentgericht Lütter vor der Haardt (Gerichtsbuch ab 1547); den alten Grenzverläufen mit der Flurmark von 1431; Reformation und Judentum, der Pest anno 1635 (Pest- und Hagelwallfahrt seit 1647); Wald, Forst, Jagd, Fischerei sowie Schäferei; Vögte, Schultheiße und Vorsteher; Flurnamen; Herrschaftliche Gasthöfe und Mühlen; Schul-, Markt-, Gesundheits-, Post- und Fernmeldewesen; Geld, Preise, Maße und Gewichte; Feuerschutz und Brandbekämpfung mit Großbrand 1903; über den Kampf um eine „dritte“ Rhöneisenbahn; Dampfmolkerei; Jugendherberge; Auflösung Landkreis Gersfeld 1932; dem Reichsarbeitsdienst; die Aufnahme von Flüchtlingen 1945; bis hin zu den vier Poppenhausen (Baden, Franken, Thüringen, Hessen); Kurzporträts von verdienten Bürgerinnen und Bürger, darunter auch der Ordensobere Bruder Hyazinth (Ottmar Vey 1877-1937), ein Märtyrer des Dritten Reiches; weiter Sagen, Anekdoten, Lieder und Gedichte und vieles andere mehr.

 

Die Kirchlichen- und Religiösen Verhältnisse des Ortes nehmen einen großen Raum ein. 1381 wird erstmals ein Pfarrer genannt, dessen Nachfolger in einer langen Liste beschrieben werden. Die Einträge in den Kirchenbüchern beginnen mit dem Jahre 1636. Detaillierte Schilderungen kann man der 414 Seiten umfassenden Güterbeschreibung von 1714 entnehmen, worin das Kirchspiel in acht Vierteln aufgeteilt wird. Diese bildeten dann auch um das Jahr 1848 in etwa die neugeschaffenen politischen Gemeindegrenzen. Die Echter-Kirche(1609-1621), Taufstein, Bildstöcke(ab 1639), Kreuze (ab 1763), Steinkapelle (vor 1714) oder Burgreste und weiteres werden ausführlich beschrieben und fließen in die neue nach einer Endkorrektur zum Druck anstehende „Denkmaltopographie Landkreis Fulda I“ ein.

 

 

                  Pfarrregister von 1683 enthält 1189 Personen

 

Für den Familienkundler stellt die Chronik eine wahre Fundgrube dar, und soll dem Anreiz zu weiteren privaten Forschungen dienen. Bürger sind ab 1505, Bürgerlisten ab 1603 (Türkensteuerregister) aufgeführt. Besonders sei ein Pfarrregister des Kirchspiels aus dem 1683 erwähnt. Diese enthält 1189 Personen, samt Knechte und Mägde mit Namen, Alter und weiteren Angaben; 1155 davon waren katholisch, sechs Lutheraner (Protestanten) und 28 jüdischen Glaubens. Adel und Ritterschaft bildet ein weiteres wichtiges Kapitel. Mit den Brüdern Traboto und Heinrich von „Steynouwe“, Söhne von Giso von Steinau, der beim berüchtigten Meuchelmord an dem Fuldaer Abt Bertho 1271 beteiligt war, beginnt die Ära der Steinauer 1327 in Poppenhausen, die sich nun Steinau-Steinrück nennen und ein neues Drei-Räder-Wappen führen. Zu den weiteren Adelsfamilien, die hier später begütert waren zählen die Herren von Ebersberg genannt von Weyhers, die von Thüngen, die von Berlepsch oder die Specht von Bubenheim. Der letzte Adelige in Poppenhausen war Friedrich Heinrich von Mansbach, als einer der Steinrückischen Erben, der 1709 seinen Anteil an dem adeligen Gut an das Hochstift Fulda verkaufte.

 

Einen wichtigen Aspekt bildet die umfangreiche Haus- und Hofchronik mit Angaben der Besitzerfamilien, Hausnamen und alten und neuen Bildvorlagen. Auffallend ist auch, das es nach der Einführung der Straßennamen 1960 keine Hausnummer 13 gab, war man im Ort besonders abergläubisch??

Vom königlichen bayerischen Landgerichtsbezirk Weyhers, zu dem Poppenhausen gehörte, hat sich ein Physikatsbericht aus dem Jahre 1861 vom königlichen Gerichtsarzt Dr. Zahner erhalten, welcher in der Chronik auszugsweise wiedergegeben wurde. Dieser Bericht sollte zu den Pflichtlektüren an den heimischen Schulen gehören und beleuchtet beispielsweise die damalige Konstitution der Bevölkerung, Broterwerb, Wohnungsverhältnisse, Kleidungsweise, Essen und Trinken oder die Reinlichkeit, da sind auch „wenig schmeichelhafte Bemerkungen“ über Land und Leute zu lesen.

Die Zeit von 1816 bis 1866 als der Marktflecken zu Bayern gehörte, wird ausführlich geschildert, wie auch der Übergang zu Preußen, der bei der Einwohnerschaft auf große Abneigung stieß. So verließ fast die ganze Lehrerschaft den Ort und verzog in das Bayerische. Nur ein nachgeordneter Lehrer verblieb und wurde dann auch prompt zum 1. Lehrer (Schulleiter) befördert.

 

 

               Erstes weltweit industriell gefertigtes Segelflugzeug

 

Was bietet die reichbebilderte Chronik von Poppenhausen über das allgemein ortstypische hinaus für Beiträge?

Zu den Aufsätzen gehören beispielsweise die Schilderungen der ersten Anfänge auf der Wasserkuppe, die von Poppenhausen ausgingen. Auch die Spitze von Hessens höchstem Berg würde heute eigentlich zu Poppenhausen gehören, wenn nicht die Nazis das angestammte Areal 1937 in einem gegenüber der katholischen Zentrumspartei (große Mehrheit) gerichteten Unrechtsakt der Gemarkung Obernhausen einverleibten (und damit seit 1972 zu Gersfeld gehört). Zu den Besonderheiten zählt auch die erste weltweite „industrielle“ oder „gewerbliche“ Fertigung von Segelflugzeugen durch den Schreiner Alexander Schleicher im Anwesen der Gaststätte „Zum Goldenen Kreuz“ in der Ortsmitte kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Hier wurde 1853 auch eine Holzschnitzschule gegründet, die später nach Bischofsheim verlegt, heute die älteste in Deutschland ist. Über eine „schnelle“ Baugenehmigung des Fürstbischofs anno 1769 wird berichtet.

Von etwa 1740 an, wurde in Poppenhausen Leinweberei mit Handel betrieben, es gab 1784 eine eigene Leinweberzunft und Bruderschaft. Der Marktflecken stand an der Spitze der ganzen Rhönleinen-Industrie. Kommen wir zu den Kirchenschätzen mit ihrer spätgotischen hölzernen Pietá aus der Zeit der Wende 15./16. Jahrhundert, die an einem helllichten Tag aus der Kirche geraubt wurde und – es klingt wie eine „Räuberpistole“ – in der Londoner Themse aufgefunden und via Flugzeug über Frankfurt wieder in den Rhönort zurückkehrte. Poppenhausen hatte im späten Mittelalter eine eigene Scharf- und Wasenmeisterei (Schinderei/Abdeckerei) mit einem Wasenmeister an der Spitze. Diese Tätigkeit war wenig beliebt, und so mancher Scharfrichter der in Fulda in Ungnade gefallen wurde vom Hofmarschall nach Poppenhausen strafversetzt, so 1620 Meister Phillip Karges. Ungeklärt ist derzeit noch, ob es auf dem nahen Spielküppel eine Richtstätte gegeben hat, wo 1963/1964 bei Erdarbeiten ein menschliches Skelett aufgefunden, und vom Pfarrer „eingesegnet“ wurde. Im Ortskern befand sich einst eine mächtige Wasserburg vom Zusammenfluss von Lütter und Haardt aufwärts, die vom Terrain her die größte aller weiteren Burganlagen im ganzen Umkreis war und erstmals 1327 im Besitz der Brüder Trabot und Heinrich von Steinau erwähnt wird und als uneinnehmbar galt. In den Kellern wurden auch reiche Kaufleute die 1512 von der Messe in Leipzig kamen und von Reichsritter Götz von Berlichingen und seinen Mannen, darunter auch der Poppenhäuser Ritter Balthasar von Steinau-Steinrück, bei Forchheim gefangen und hier festgehalten (Lösegeld!). Zu erwähnen ist auch der vom Schloßkaplan niedergeschriebene Burgfrieden aus dem Jahre 1394, eine Art „Hausordnung“ mit allen Rechten und Pflichten für die verschiedenen adeligen Lehensfamilien, die Anteile an der Wasserburg hatten (Ganerben). Es handelt sich um das erste derartige „Regelungsgesetzwerk“ der ganzen Rhön und gibt auch interessante Einblicke in die Mundart.

 

Die großformatige gutstrukturierte Chronik, war anfangs mit etwa 350 Seiten geplant, schließlich wurden daraus trotz Kürzungen 456 Seiten. Einiges musste ganz weggelassen (Stichwortregister, Index) oder sehr beschränkt werden (Zeittafel). Für 25 Vereine der Gemeinde standen nur 13 Seiten zur Verfügung deren Kurzporträts aber mit den wichtigsten Informationen versehen sind. Dazu kommt noch die Feuerwehr, der man aufgrund ihrer Aufgabe und Geschichte mehr Platz einräumte.

Für die Gestaltung des Kompendiums war Tanja Böhm aus Poppenhausen verantwortlich, die Redaktion lag in den Händen von Peter Detig.

Mit der neuen Ortschronik wurde ein Standartwerk geschaffen, das den Heimatfreund viele Jahre, ja noch Jahrzehnte informativ begleiten wird, bis dato gab es nur ein kleines Heimatbüchlein von 1910 mit Neuauflagen von 1929 und 1963. Der Landkreis Fulda unterstützte die Herausgabe im Zuge der Dorferneuerung finanziell, daher auch der günstige Preis von 25,- €. Die Chronik ist auch in Bibliotheken und Archiven einsehbar, so z. B. im Stadtarchiv Fulda: Signatur: 2015/133; Bezugsquelle: Gemeinde Poppenhausen (Wasserkuppe),

 

1) Von der Jahreszahl 1165 leiten sich die 850 Jahre für das Jubiläumsjahr 2015 ab. Da man nicht weiß, in welchem Jahr der Fuldaer Mönch Eberhard die entsprechenden ungesiegelten Eintragungen getätigt hat, nimmt die Wissenschaft korrekterweise das letzte mögliche Jahr als Zeitpunkt der Ersterwähnung an. Einige Orte hatten es aber mit ihren 850-Feiern „eiliger“, und legten die Jahre 1155 oder mittig das Jahr 1160 zugrunde.

 

+ Publikation: Ortschronik Poppenhausen (Wasserkuppe) - Tradition bewahren-Fortschritt leben (850 Jahre 1165-2015): Gemeinde Poppenhausen (Wasserkuppe) : BestPricePrinting Seefeld (Oberbayern), 456 Seiten, Juni 2015.

 

s. auch:

 

3. Neue Ortschronik Poppenhausen (Wasserkuppe) fertig gestellt und erschienen.

 

Pünktlich zum Ortsjubiläum 850 Jahre Poppenhausen wurde die neue Ortschronik vorgestellt. Mit einem Umfang von 455 Seiten ist eine sehr ausführliche Dokumentation entstanden, welche Geschichte und Dorfgemeinschaft bis in die heutige Zeit reflektiert.

 

Ich danke allen Mitbeteiligten des Arbeitskreises Ortschronik, die mit aufwendigen Recherchen und viel Eifer auf verschiedenste Weise an dieser Chronik mitgewirkt haben.

 

Den Leserinnen und Lesern wünsche ich viel Freude bei der Lektüre alter und neuer Geschichten. Die Inhalte dieses Buches sollen nicht nur uns, sondern auch unseren nachfolgenden Generationen ein Bild von dem vermitteln, was Poppenhausen einmal war und was es heute ist.

 

Peter Detig

Vorsitzender Arbeitskreis Dorfentwicklung

Steinwand/Poppenhausen

 

 

Bezugsquelle:

Gemeinde Poppenhausen (Wasserkuppe)

Von-Steinrück-Platz 1

36163 Poppenhausen

 

 

Preis: 25.- EURO